B e r i c h t

über die Studienreise des Ostsee- Clubs e.V. vom 15. Juni bis 22. Juni 2006 nach
Westpreußen und Masuren

Dieser Bericht soll helfen, die Erinnerungen an diese erlebnisreichen Tage zu bewahren sowie zu wecken. Wir sind bei der Spurensuche in vielen Erinnerungen getaucht und haben dabei schöne und gute Spuren deutscher Geschichte gefunden. Wir haben bei dieser Fahrt Freundschaften geschlossen und waren eine tolle Truppe.

 

1. Tag - 15.06. - Donnerstag

 

Um kurz nach 8.00 Uhr fahren wir von der Fernbushaltestelle in der Nähe des Lübecker Hauptbahnhofes ab.

Auf dem Weg zu unserem Tagesziel, die Stadt Bromberg (Bydgosscz), haben wir in der Mittagszeit in Prenzlau unseren Fahrtteilnehmer Karl-Heinz abgeholt und nutzen die Wartezeit zur Einnahme des Mittagessens angesichts des sonnen beschienenen Unterukarsees.

Die Einreise nach Polen geht nicht so ganz glatt: Man muss ein Ticket lösen und Thomas, unser Fahrer, wurde herum geschickt, ehe er dieses Papier für die Straßenbenutzungsgebühr endlich bekam, dann aber ging es schnell. Nur eine etwas längere Pause an einer Fischgaststätte, wo, wie Kuddel voraussagte, auf der Rückfahrt das Abendessen eingenommen werden sollte. Nach reichlicher Erprobung des Orts- und Orientierungskenntnisse unserer Reiseleitung finden wir schließlich unser Hotel "Ikar" in der Nähe des Militärflughafens von Bromberg. Hier erwartet uns gleich eine Enttäuschung: Das bestellte und uns schriftlich zugesagte warme Abendessen kann uns wegen des Feiertages (Fronleichnam) nicht geliefert werden. Aber wir haben einen Schutzengel in Gestalt von Frau Ursela Kiedecz geb. Krebs (eine Frau der deutschen Minderheit aus Bromberg), die uns in einem anderen kleinen Hotel in der Nähe eine warme Mahlzeit verschafft. Da durch kommen wir spät ins Bett. Aber so ist es nun mal in Polen.

 

2. Tag - 16.06. - Freitag:

 

Ursela wusste bei ihrer Stadtführung viel aus der Geschichte Brombergs zu berichten. Vor dem 1. Weltkrieg nannte man die Stadt scherzhaft "Klein-Berlin". Sie wurde damals zu 80 v. H. von Deutschen bewohnt. Auffallend sind die alten Speicher am Hafen. Bromberg liegt an einem schiffbaren Nebenfluss der Weichsel (Wisla), die Brahe, und wird zusätzlich durch den Bromberger Kanal mit Nakel (Necto nad Notecia) und der Netze (Notec) verbunden. Einer der großen Speicher wird zum Kulturzentrum umgebaut werden. Ab 8/06 wird es darin eine Ausstellung zum Thema Polen/Deutschland geben. Die Ausstellung wird gesponsert von der Partnerstadt Wilhelmshaven. In der an sich sehenswerten Altstadt von Bromberg gibt es noch die älteste Apotheke von Bromberg, die Schwanen-Apotheke. Ursela führte uns auch in die prachtvoll ausgestatteten Empfangsräume eines alten Hotels. Das bei einem Preisvergleich überraschend vorteilhaft abschnitt. Die Polen haben auf dem  Friedrichsplatz ein gewaltiges Mahnmal zum Gedenken an jenen 03. 09. 1939, dem Blutsonntag, errichtet. Sehenswert ist auch die Architektur des Bromberger Doms. Herr Kiedecz, ehemaliger bekannter Ruderer, ließ es sich nicht nehmen, vor ausfahrend unseren Bus an Baustellen und Staustellen vorbei aus der Stadt zu begleiten.

Nach dem Mittagessen ging es weiter nach Kulm. Hier hatte jeder für sich Gelegenheit zu einem ausgiebigen Stadtrundgang. Dabei wurde das Typische einer Ordensgründung mit rechtwinklig angelegten Straßen um einen ebenfalls quadratischen Marktplatz, einer noch teilweise erhaltenen Stadtmauer und einem mittelalterlichen Stadttor deutlich. Im Stadtkern gibt es noch mehrere große gotische Kirchen, zum Teil ehemalige Klosterkirchen. Eine Barockkirche mit auffallenden Fassaden steht am Marktplatz. Außerhalb des Stadtkerns, vor dem Stadttor, finden wir schattige Plätze in gepflegten, gärtnerisch gestalten Anlagen.

Um 19.15 Uhr treffen wir in Allenstein ein, fanden unser Hotel "Janter" mit Hilfe eines Taxifahrers weit draußen vor den Toren der Stadt. Es war ein Ausweichquartier, wohin wir von dem gebuchten Hotel wegen nicht fertig gestellter Baumaßnahmen verwiesen wurden, und auch hier war der Empfang recht kühl. Es gab keinen Fahrstuhl und so mussten wir unser Gepäck bis in den 4. Stock schleppen. Zunächst gab es auch hier kein Abendessen, doch dann konnten wir eine Suppe und auch Rührei bekommen (auch hier war alles vorher bestellt).

Das Hotel machte auf alle Teilnehmer keinen guten Eindruck.

 

3. Tag - 17.06. - Sonnabend

 

Mit Am Vormittag sehen wir uns den historischen Ortskern von Allenstein an, mit der Ordensburg und dem Kopernikus-Denkmal. Gern hätten wir eine Führung durch die Ordensburg mitgemacht, Sie wurde aber nicht in deutscher Sprache angeboten. Außerdem erschien uns der Eintritt recht teuer. Also begnügten wir uns mit einem Rundgang um das Schloss, dessen hohe Mauern man bewundern konnte. Gleich in der Nähe des Schlosses gibt es eine Fußgängerzone mit mancherlei Einkaufsmöglichkeiten, ein gut erhaltenes Stadttor und das frühere Rathaus, heute Stadtbibliothek. Pünktlich um 13.30 Uhr fuhren wir in unser Hotel Janter zurück.

Schon um 14.00 Uhr ging es weiter nach Hohenstein. Dort haben wir ein Freilichtmuseum besichtigt. Der Eingangsbereich war der Erinnerung an ein großes Gefangenenlager aus dem letzten Krieg gewidmet. Neben einem Modell des Lagers gab es alte Uniformstücke und Ausrüstungsgegenstände zu sehen. Aber im ausgedehnten Außengelände konnte man Häuser und Werkstätten aus Masuren und dem Ermland besichtigen. Auch die Inneneinrichtung der Häuser konnte man bestaunen. Auf der Rückfahrt gerieten wir in ein Gewitter. Für uns im schützenden Bus war das nicht weiter schlimm, aber rechts der Straße hatten sich viele Menschen bei einem Motorradrennen in einem Sandgrubengelände versammelt. Die vielen Menschen wußten nicht, wie sie sich vor dem Regen schützen konnten.

 

4. Tag - 18.06. - Sonntag

 

Nach dem Frühstück um 08.00 Uhr fiel uns der Abschied vom Hotel Janter leicht. Unser Gepäck wurde im Bus verstaut und ab ging es zu einer der schönsten Sehenswürdigkeiten Masurens, zur Jesuitenabtei Heiliglinde. Nun, es war Sonntag und viele Menschen drängten sich an dem alten Wallfahrtsort. Im Inneren der barocken Klosterkirche fand noch ein Gottesdienst statt. Wir scheuten uns, die Messe zu stören und lugten nur möglichst unauffällig um die Pfeiler, um die reichliche Goldausschmückung, vor allen der Orgel, zu betrachten. Aber auch der Kreuzgang war sehenswert. Um das Kloster herum gab es reichliche Einkaufsmöglichkeiten - auch am heiligen Sonntag.

Um 12.15 Uhr brachte uns der Bus nach Lötzen (Glzyco). Gleich am Parkplatz fanden wir eine kleine Gastwirtschaft, gerade recht für eine Tomatensuppe. Auf den Wiesen am Löwentinsee fand ein Volksfest statt, das von den einzelnen landsmannschaftlichen Gruppen gestaltet wurde. Gerade führten die Ukrainer Volkstänze vor. Sie tanzten in sehr bunten Trachten mit rot, blau und schwarz zu ungewöhnlicher Musik mit oftmals ziemlich schwierigen und eigenartigen Tanzformen und -figuren. Danach sollte auch die deutsche Minderheit ihren Auftritt haben und singen. Aber unsere Zeit reichte nicht. Um 14.00 Uhr ging es weiter an malerischen masurischen Seen entlang, mit einem letzen Blick auf den mit Segeln reichlich bestückten Löwentinsee. In Nikolaiken (Nicolaiki) haben wir des einsetzenden Regens wegen nicht angehalten. Sonst hätten wir den angeketteten Stinthengst bestaunen können, an den sich eine alte masurische Sage knüpft.

Bei der Einfahrt in Allenstein goß es mal wieder, aber als wir auf das Gelände des Hotels "Taverne Pirat" rollten, hatte es schon wieder aufgehört, so dass wir unser Gepäck im Trockenen ausladen konnten. Hier war der Empfang wesentlich freundlicher. Unser Abendessen: Leckere Vorsuppe, danach gebratenes Schollenfilet mit Kartoffelpüree.

 

      5. Tag - 19.06. - Montag

 

Frühes Aufstehen, denn um 06.00 Uhr gab es schon Frühstück (sehr reichlich); Abfahrt um 06.45 Uhr nach Osterode (Ostroda) zur Fahrt auf dem Oberländer Kanal. Die Fahrt dauerte länger als sechs Stunden, wurde aber niemals langweilig, weil es soviel zu sehen gab. Es ging über langgestreckte Seen, durch grüne Erlentunneln, unter Brücken hindurch und durch zwei Schleusen. Wir sahen Graureiher, Schwäne, Blässhühner und Enten, einmal etwas entfernter auch einen Storch, Wasserlilien, Seerosen, Mummeln, Schilf- und Binsenfelder säumten unseren Weg. In einem Buchenwalde, kurz vor der ersten Bergüberschleppung (Rollberg), war Schluss.

Wir mussten von Bord, konnten aber den Schleppvorgang in allen Einzelheiten beobachten und fotografieren. Einige Teilnehmer hätten sich gern noch mit dem Schiff über den Berg schleppen lassen, um erzählen zu können, dass sie mit dem Schiff über einen Berg gefahren seien. Aber das glaubt je sowieso niemand. So aber konnten wir die armdicken Stahlseile bestaunen und nebenan in einem kleinen Museum die Holzformen der Zahnräder, die den Schleppvorgang ermöglichen. Dem deutschen Ingenieur Steenke haben die Polen ein Denkmal gesetzt. Er hat schon 1825 begonnen, Pläne für einen Wasserweg von Osterode nach Elbing (Eblang) auszuarbeiten, damit die ca. 100 m Höhenunterschied in 5 Stufen überwunden werden können. 1848 kam die Sache in Gang. Es dauerte aber bis 1868, ehe die ersten Schiffe den Oberländischen Kanal befahren konnten.

Die Rückfahrt nach Allenstein führte über Mohrungen (Morag) auf Nebenstraßen, z.T. schattigen Alleen, zurück. Thomas gönnte uns den Schatten, denn es war an diesem Tag sehr warm und auch die Ausblicke auf die einmalig schöne naturbelassene Landschaft.

 

6. Tag - 20.06. - Dienstag

 

07.00 Uhr das reichliche Frühstück, um 08.00 Uhr Abfahrt zur Besichtigung der Marienburg, größte Backsteinburg nördl. der Alpen und lange Jahre Sitz des Deutschen Ritterordens. Unterwegs, während der Fahrt durch das Weichelsdelta, unterhielt uns Karl-Heinz mit seinen Kenntnissen über die Heimat seiner Kindheit. Er war schon mehrmals in der Marienburg gewesen und konnte uns schon vorab auf den Besuch vorbereiten. In der Marienburg angekommen, erwartete uns eine Führung durch eine Deutsch sprechende Dame, die zweieinhalb Stunden dauerte. Angesichts der gewaltigen Anlage mit Vorburg, Mittelburg und Hauptburg lernten wir das Staunen. Die Burg wird von den Polen wieder hergestellt, nachdem sie in den letzten Kriegswochen von der Roten Armee vor allem im Ostteil stark zerstört worden war.

Trotz der Aufgabe durch die deutschen Truppen wurde die Zerstörung fortgesetzt. Unsere Führerin zeigte uns viele hohe Räume mit Pfeilern gestützten Deckengewölbe im gotischen Stil, führte uns über enge und steile Treppen in Räume, die bei der sengenden Mittagshitze auf dem Höhepunkt der Hitzewelle angenehm kühl waren.

 

8. Tag - 22.06. - Donnerstag

 

Inzwischen schon an frühes Aufstehen gewöhnt, nahmen wir um 07.00 Uhr unser Frühstück ein, denn schon um 08.00 Uhr sollten wir die Rückfahrt in Richtung Heimat antreten. Es war dies auch ganz vernünftig, wollten wir doch möglichst der mittäglichen Hitze entgehen. So ließen wir denn das Hotel "Taverne Pirat": in dem ich so einige Male meinen abendlichen halben Liter "Pivo" zu mir genommen hatte, hinter uns, nicht ohne vorher eine Gruppenaufnahme aller Beteiligten nach Hause mitzunehmen. Jetzt ging die Fahrt zügig über ausgebaute Straßen nach Thorn (Turon). Hier war es schwierig, einen Platz zum Parken zu finden. Wir begnügten uns mit einem Spaziergang entlang des Weichselufers und der altehrwürdigen Stadtmauer. Wir ließen die Innenstadt mit dem Kopernikus- Denkmal aus und erreichten die Nationalstraße 10,

die Bromberg weiträumig umgeht und geradewegs nach Stettin führt. Jetzt mussten wir aufpassen: Wir durften das links des Weges liegende Lokal, jenes von Kuddel ausgewählte und bereits erwähnte Fischrestaurant, nicht verpassen. Und als wir glaubten, schon vorbeigefahren zu sein, tauchte es endlich auf. Nun hatten wir Zeit, konnten schon unsere Bestellungen aufgeben und sogar noch ein nahegelegenes Hotel besichtigen, das sehr schön mit eigenem Anlegesteg an einem See gelegen ist und dessen Besitzer allerlei Gerätschaften aus deutscher Zeit sammelt. Er fährt mit einer uralten BMW 500 über das Gelände - und im Beiwagen sitzt Kuddel.

Das köstlich zubereitete Stück Zander kam gerade noch zur rechten Zeit, sonst wäre ich hungers vom Stuhl gefallen. Es konnte weitergehen. Irgendwo zwischen Wirsitz (Wyrczysk) und Schneidemühl (Pila) überquerten wir die ehemalige Grenze zwischen Pommern und Westpreußen ohne dass wir es gewahr wurden und suchten unser Nachtquartier in Barzkowice (ich habe nicht herausfinden können, wie es vor 1945 hieß). Hier bekamen wir geräumige Zimmer im Hotel ZODR, einem Zentrum zur Förderung der Landwirtschaft in Pommern. Hier werden Schulungen und Messen abgehalten; es finden Marktanalysen und Kurse zur umweltfreundlichen Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte statt.

 

9.Tag - 23.06. - Freitag

 

Es war sicherlich richtig, den letzten Tag nicht mit einer längeren Fahrt zu belasten, wollten doch alle möglichst noch bei Tag mit Bus, Bahn oder Auto ihr Heim erreichen. Wir waren denn auch bald in Stargard (Szecinski), aber bei Stettin haben wir doch wieder einmal die Autobahnauffahrt verpasst, fuhren aber diesmal auf der Autobahn in Richtung Gollnow und konnten erst nach längerem Umweg wenden und dann richtig nach Pomellen zum Grenzübergang gelangen. Die Rüttelstrecke ist inzwischen kürzer geworden und auf der jetzt durchgehenden A 20 ist man doch recht schnell in Lübeck , Einmal mussten wir noch kurz über Landstraßen nach Prenzlau abbiegen, um Karl-Heinz abzusetzen. Aber der kurze Aufenthalt war ohnehin erforderlich.

In Lübeck angekommen, ging das große Abschiednehmen los. Fast hätte es Tränen gegeben. Aber bei der Jahreshauptversammlung am 13.10. in Duderstadt sehen wir uns ja alle wieder.

Alle bedankten sich bei Thomas, der wirklich ganz vorbildlich gefahren war, auch bei Kuddel, dem wir letztlich, diese erlebnisreiche Fahrt zu verdanken hatten. Es war ein ganz großes Erlebnis, an das wir lange zurückdenken werden.

 

 

 

             Euer Wilfried Buth

 

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